Fahrdienste, einkaufen, Haushalt schmeißen. Bisher kann Anke Kalläne ihre Eltern noch unterstützen. Doch was ist, wenn es den beiden schlechter geht? Die Schlüssel fürs Haus bekommt sie bisher nicht.
Mama kann sich nicht mehr kümmern, sieht es aber nicht ein. Ist es ok, Papa trotzdem ins Heim zu geben?
„Bei dieser Frage bin ich ziemlich ratlos. Meine Eltern leben in einem großen Haus. Mein Vati war dieses Jahr lange im Krankenhaus und braucht seitdem viel Unterstützung von meiner Mutti, die aber selbst Pflegegrad 1 hat. Ich kümmere mich zwar um die beiden, frage mich aber trotzdem: Wie lange kann das in ihrem Haus noch funktionieren? Im Krankenhaus hat mein Vati vorgeschlagen, dass wir mal nach einem Angebot für Betreutes Wohnen suchen sollten. Wenn ich mit meiner Mutti darüber spreche, blockt sie aber total ab. Von Patientenverfügungen oder einer Vorsorgevollmacht will sie auch nichts hören und einen Schlüssel für das Haus bekomme ich auch nicht. Sie meint, ihnen würde doch nichts passieren. Manchmal werde ich schon ein bisschen sauer; ich will ja nur das Beste für die beiden. Aber ich glaube, ich muss einfach abwarten, bis meine Mutti merkt, dass sie es nicht mehr schafft und meine Hilfe nicht ausreicht. Dann ist sie vielleicht bereit, dass wir nach einer Lösung für beide schauen. Meinen Vati allein ins Heim stecken, das würde sie nie zulassen.”
Protokoll: Hannah Weber
Was bringt Brandenburgs “Pakt für Pflege”?
Um mehr Pflege zu Hause zu ermöglichen – und um langfristig Geld zu sparen, hat die Brandenburger Landesregierung 2015 eine sogenannte Pflegeoffensive auf den Weg gebracht. Seit 2020 führt die Brandenburger Sozialministerin Ursula Nonnemacher (Bündnis 90/ Die Grünen) das Förderprogramm als ‘Pakt für Pflege’ weiter.
Das Ziel: Beratungsstrukturen ausbauen und pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige unterstützen, zum Beispiel mit spezialisierten Anlaufstellen, den so genannten Pflegestützpunkten, oder ehrenamtlichen Hilfsprojekten. Dafür stehen jedes Jahr rund 20 Millionen Euro zur Verfügung. Seit 2021 wurden so fast 700 Projekte initiiert.
Die bisherige Brandenburger Landesregierung aus SPD, CDU und Grünen verbucht das Projekt als Erfolg: 87 Prozent der knapp 180.000 Pflegebedürftigen werden zuhause gepflegt – der bundesweit höchste Wert. 92 Prozent der kreisfreien Städte und Landkreise sagen: Der “Pakt für Pflege” habe die Situation der Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen verbessert. Das zeigt eine wissenschaftliche Auswertung des Projekts, die vom Sozialministerium in Auftrag gegeben wurde. Es sei für ein Flächenland wie Brandenburg aber auch nicht ungewöhnlich, dass so viele Menschen zuhause gepflegt werden, sagt Heike Prestin. Sie vertritt als Geschäftsführerin des Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe Nordost die Interessen von Pflegefachkräften in Brandenburg.
Dennoch ist das Förderprogramm auch aus ihrer Sicht ein guter Ansatz, weil es die Pflege auf kommunaler Ebene stärke. Der “Pakt für Pflege” zeige, dass Brandenburg das Thema Pflege auf dem Schirm hat: “Sich selbst als Kommune verantwortlich fühlen, das ist etwas, was in Brandenburg relativ gut funktioniert im Vergleich zu anderen Bundesländern.”
Auch aus Sicht von Ulrike Kempchen ist der “Pakt für Pflege” ein Schritt in die richtige Richtung. Sie vertritt mit dem BIVA-Pflegeschutzbund die Interessen von Pflegebedürftigen in ganz Deutschland. Das Problem bei Förderprojekten wie dem “Pakt für Pflege” sei aber, dass Strukturen zwar aufgebaut, dann aber nicht weitergeführt würden. Mit Sorge blickt sie deshalb auf die sozialpolitische Zukunft – und ob auch künftige Landesregierungen das Thema Pflegeversorgung in Brandenburg als eine drängende Aufgabe ansehen.
Ins Detail

“Wir sind nicht die Pflegepolizei”
Beleidigungen, Anschreien, Gewalt: Konfliktberaterin Claudia Gratz berät bei “Pflege in Not” in Potsdam verzweifelte Angehörige. Ein Muster, das sie bei vielen Fällen sieht: Überforderung. Von Jannis Byell
